Inflation: Der große Durchlauferhitzer
bannermis
Inflation: Der große Durchlauferhitzer
Geschrieben von: thomas    Mittwoch, den 09. Februar 2011 um 08:21 Uhr    PDF Drucken E-Mail

In moderaten Dosen genossen, bringt Inflation die Wirtschaft in Schwung und reduziert die Schuldenlast

"Money’s getting cheaper, prices getting steeper, got myself a woman but I just couldn’t keep her" – als der Bluesmusiker Jimmy Witherspoon diese Zeilen im Jahr 1963 schrieb, lag die Inflationsrate in den USA bei beruhigenden 1,3 Prozent. Die am Ende des Zweiten Weltkriegs vereinbarten Spielregeln für internationale Wirtschaft und Finanz entfalteten in den 1950er- und 1960er-Jahren ihre segensreiche Wirkung: Wirtschaftswunder ohne Verwerfungen, in enge Bahnen gelenkte Kapitalströme, Wohlstand für die Massen und Sicherheit für ihre Ersparnisse. Ob der damals 40-jährige Witherspoon in dem Lied seine Jugenderfahrungen verarbeitete, ist nicht überliefert. Klar ist jedenfalls, dass anno 1963 das Geld nicht billiger wurde – jedenfalls nicht spürbar billiger.

Doch das war nicht immer so: Die Inflations-Fieberkurve der Vereinigten Staaten, die ein knappes Jahrhundert zurückreicht, weist wilde Ausschläge nach oben wie nach unten aus – Ausschläge, die auf die Lage der Nation schließen lassen: Der tiefe ­Preisverfall Anfang der 1930er-Jahre zeugt von der Wucht der Großen Depression,
die zweistelligen Teuerungsraten Ende
der 1970er Jahre spiegeln das arabische Öl­embargo wider. Der Inflationschart ist demnach nichts anderes als eine Kranken­karte der Volkswirtschaft.

Doch was ist eigentlich Inflation? Im Standardwerk „Grundzüge der Volkswirtschaftslehre“ wird sie als „Anstieg des allgemeinen Preisniveaus“ definiert. Anders ausgedrückt, dokumentiert die Inflation die Veränderung des Verhältnisses zwischen Waren und Dienstleistungen auf der einen und Zahlungsmitteln auf der anderen Seite. Und dieses Verhältnis regelt, wie in der Welt der Wirtschaft üblich, das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Wird Erdöl knapp, erhöht sich bei gleich bleibender Nachfrage der Ölpreis; steht mehr Öl zur Verfügung, wird es billiger. Dasselbe gilt für Geld: Je mehr Banknoten gedruckt werden, desto weniger wert sind sie in Relation zu den vorhandenen Waren und Dienstleistungen; wird der Volkswirtschaft Geld entzogen (etwa durch eine Anhebung der Leitzinsen), steigt der Wert der im Umlauf verbliebenen Scheine.

Das Thema hat übrigens an theoretischer Brisanz gewonnen, seit das Geldvolumen nicht mehr an die in staatlichen Safes gebunkerten Edelmetalle gebunden ist. Heute können die Notenbankchefs die Geldmenge relativ problemlos regulieren. Noch vor wenigen Jahrhunderten jedoch konnte einer aufstrebenden Nation schlicht und ergreifend das Geld ausgehen. Deshalb war die Handelspolitik der europäischen ­Königshäuser darauf ausgerichtet, möglichst viel Gold ins Land zu holen (dazu mehr in einer späteren Folge der Serie) – denn Gold war mit Geld gleichgesetzt.

Heute operieren die Zentralbanken innerhalb eines komplexen Koordinatensystems:  Sie sollen auf der einen Seite die Geldmenge an die Bedürfnisse der Volkswirtschaft anpassen, müssen aber auf der anderen Seite eine Vielzahl externer Faktoren mitberücksichtigen. Ein gutes Beispiel für dieses Dilemma ist die aktuelle Diskussion um die Inflationsraten in der EU und den USA.

Konkret geht es um importierte Inflation: Nachdem sich so gut wie alle Rohstoffe verteuert haben, sind die Inflations­raten höher, als es den Notenbankchefs lieb ist. Zugleich ist aber die Kerninflation (sie wird ermittelt, indem man volatile Rohstoff- und Energiepreise außer Acht lässt) nach wie vor niedrig – was als Indiz dafür gilt, dass der Westen krisenbedingt immer noch schwächelt: Wenn nicht investiert wird und die Löhne nicht steigen, wird weniger Geld benötigt.

Das bringt uns zu einer weiteren Erkenntnis: Es gibt nicht nur eine Inflation. Die Statistik Austria beispielsweise ermittelt ihre Teuerungsrate, indem sie einen sogenannten Warenkorb aus 770 Gütern und Dienstleistungen erstellt und ihre monatlichen Preisveränderungen festhält. Doch der Teufel steckt wie immer im Detail – bzw. in der Gewichtung des Warenkorbs. Wer mehr (teurer gewordenes) Obst und Gemüse kauft und im Gegenzug weniger Unterhaltungselektronik aus dem Schlussverkauf konsumiert als der in den PCs von Statistik Austria errechnete Durchschnittskonsument, dessen Inflationsrate ist zwangsläufig höher als der offizielle Wert.

Doch was hat das alles mit dem aktuellen Dilemma der Zentralbanken zu tun? Mehr, als es zunächst den Anschein hat. Eine anhaltend hohe Inflation bei Rohstoffen, Lebensmitteln und Energie wirkt nämlich nach einer Zeit wie ein Virus: Sie infiziert die gesamte Wirtschaft. Sobald Konsumenten davon ausgehen, dass Essen, Strom und Sprit immer teurer werden, werden sie höhere Löhne fordern. Das wiederum bedeutet höhere Kosten für Arbeitgeber, die durch Preiserhöhungen kompensiert werden – und ehe man sich ­versieht, steckt das Land in einer Lohn-Preis-Spirale.

Dann zeigt sich die Inflation von ihrer zerstörerischen Seite: Die Ersparnisse der Konsumenten verlieren rasant an Wert, Unternehmen können nicht mehr kalkulieren, Spekulanten horten Waren, und diejenigen, die es noch schaffen, flüchten in vermeintlich wertbeständige Güter: Gold, Silber, Latifundien, Kunstwerke, Schweizer Franken. Am Ende dieses Prozesses steht entweder der wirtschaftliche Kollaps (eine Entwicklung, die man etwa in Simbabwe beobachten kann), oder eine Rosskur à la Polen nach 1989.

Doch die Inflation ist nicht nur ein Übel. In moderaten Dosen genossen, funktioniert sie wie ein Durchlauferhitzer. Sie bringt die Wirtschaft in Schwung und sorgt dafür, dass Unternehmen und Anleger nach profitableren Investitionsmöglichkeiten Ausschau halten. Und sie hat auch einen weiteren positiven Nebeneffekt: Sie reduziert die Schuldenlast. Das ist dieser Tage vor allem für den Rekordschuldner USA ein ­Segen. Je höher die Inflation in den Vereinigten Staaten, desto weniger wert sind jene amerikanischen Schuldscheine, die rund um den Globus gebunkert werden.

Und die Konsequenz für Otto Normalverbraucher? Alles ist relativ, auch der Wert des Geldes. Und wer auf Nummer sicher gehen möchte, muss das Zeug einfach ausgeben. Genau diesen Schluss hat auch Sänger Jimmy Witherspoon für sich gezogen: "Things gettin’ rougher than rough, I make a lot of money and just keep spendin’ the stuff."

Quelle:Wirtschaftsblatt

Kommentar: Wir sollten nicht vergessen, wer die Inflation "bezahlt" - wir mit unseren Ersparnissen!

 

 

Kommentar schreiben


canakkale canakkale canakkale truva search
escort bayan escort bayan